Das 1×1 des Fesseln
Damit unsere Fesselzeiten (Workshops, Trainings, Sessions, etc.) zum positiven Erlebnis werden, halten wir uns an unser 1×1. Wir teilen es hier, damit ihr es als Inspiration und Grundlage für euer eigenes Fesseln nutzen könnt. Es ist in der «Wir Perspektive» geschrieben, denn diese Punkte sind uns persönlich wichtig.
1. Erwartungen, Wünsche, Grenzen
Setze dich mit deinen Erwartungen, Wünschen und Grenzen auseinander. Je besser du weisst, was du möchtest und nicht möchstes, umso einfacher fällt dir das Konsensgespräch unter Punkt 2. Bereite dich darauf ruhig vor. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, wir liefern dir hier eine Auswahl:
- Block und Stift deine Antworten zu den Fragen unter 2 aufschreiben
- Oder eine Tabuliste führen z.B. mit dem Template von pikushii: Shibari Limit Checkliste als Worddokument zum Ausfüllen oder als Web Applikation.
- Den Rope Radar von Sinrael nutzen
- Eine Body Map ausfüllen
- Den Vorbereitungsteil des Session Journal nutzen
2. Konsens
Die Grundlage jeder Fesselzeit ist Konsens. Bevor ihr mit jemandem Neuem ins Seil geht, tauscht euch intensiv aus. Wichtig dabei: tut dies auf neutralem Boden – zum Beispiel in einem Café, bei einem Spaziergang in einer belebten Gegend oder an einem Rope Jam. Ermutigt potenzielle Fesselpartneys, viele Fragen zu stellen, und stellt selbst ebenfalls viele Fragen:
Was interessiert dich am Fesseln? Wieso willst du mit mir fesseln? Welche Vorerfahrungen hast du? Mit welchen Risiken hast du dich beschäftigt, kennst du dein Risikoprofil? Was möchtest du erleben? Was sind deine Wünsche, deine Hoffnungen, deine Erwartungen, wo liegen deine Grenzen, was möchtest du auf keinen Fall? Welche Bedürfnisse hast du – vor dem Fesseln, während dem Fesseln und danach?
Diese Fragen sind wichtig, damit alle Beteiligten entscheiden können, ob sie sich aufeinander einlassen möchten. Nur wenn wir gegenseitig die Risiken bekannt sind, könnt ihr frei und offen entscheiden, ob ihr sie eingehen wollt.
Stellt einem potentiellen Fesselpartney jede Frage, die euch interessiert. Frage auch unbedingt nach anderen oder früheren Fesselpartneys und frage bei diesen nach ihren Erfahrungen mit dieser Person. Das nennt sich Vetting. Du kannst mit Vetting nicht jedes Risiko ausschliessen, aber je mehr du über jemanden weisst vor dem Fesseln, umso besser.
Wichtig: du kannst dich jederzeit umentscheiden und einmal gegebenen Konsens wieder entziehen. Wenn jemand darauf komisch reagiert, ist diese Person wahrscheinlich nicht die passende Partnerperson.
3. Sind wir fit?
Auch wenn das Konsensgespräch schon eine Weile zurückliegt und die Entscheidung zum gemeinsamen Fesseln bereits gefallen ist, sollte direkt vor der Fesselzeit noch einmal darüber gesprochen werden, wie es euch geht. Jeder Tag ist anders, Bedürfnisse ändern sich. Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen können sich verschieben. Vielleicht hattest du am Morgen Kopfschmerzen. Oder du hast wenig getrunken/ gegessen. Vielleicht hast du deine Mens bekommen, dich irgendwo gestossen, wurdest frisch tattowiert, bist mit dem falschen Bein aufgestanden, traurig, total überdreht, willst lieber einfach kuscheln oder reden statt fesseln. Das sind alles sehr wichtige Informationen. Lasst euch gegenseitig frei erzählen lassen, was euch bewegt, bevor ihr eure Fesselzeit beginnt.
Fragt auch nach einem Notfallkontakt und in welchen Fällen dieser kontaktiert werden soll.
4. Sind Material und Location in Ordnung?
Nach jeder Fesselzeit soll das Material sorgfältig kontrolliet werden: Seil, Karabiner, Ringe, Bambus, Scheren, Schnüre und alles andere. Unterlagen und Stoffe wie Augenbinden, Stoffknebel und Wolldecken sollten frisch gewaschen werden
Wird im Intimbereich gefesselt, empfiehlt es sich, dafür separate Seile zu verwenden, die nicht mit anderen Menschen oder anderen Körperstellen in Berührung kommen oder pro Fesselpartney ein eigenes Seilset zu verwenden.
Seile mit Abnutzungserscheinungen sollten entweder markiert (und dann nur noch für Fesselungen am Boden verwendet) oder aussortiert werden.
Ein Sicherheitstool – Messer, Schere oder Ähnliches – gehört jederzeit in Griffweite.
5. Was, wieso, warum?
Vor jeder Fesselzeit lohnt es sich, gemeinsam zu klären, was ihr eigentlich fesseln wollt. Wollt ihr kuscheln? Eine Kampfsession? Emotionale Tiefe erforschen oder möglichst schnell im Schlafzimmer landen? Lachen und herumalbern oder die meditative Stille suchen? Wollt ihr körperliche Nähe spüren – oder soll das Fesselpartney vor allem das Seil spüren und den Top möglichst wenig?
Alle diese Gründe – und noch viele mehr – sind legitim. Sie benötigen jedoch unterschiedliche Vorbereitung und haben andere kritische Punkte. Wer sich das im Voraus überlegt, muss während der Seilzeit nicht improvisieren. Denn Improvisieren geht oft zulasten der Sicherheit und der Verbindung.
6. Sicherheit – Stopps – Safeword
Vereinbart ein Safeword – zum Beispiel Mayday – als klares Abbruchsignal. Manche Paare nutzen den Ampelcode – grün für alles gut, gelb für Pause/ Unterbruch und rot für Stopp.
Da gefesselte Menschen manchmal aus unterschiedlichen Gründen nicht sprechen können oder wollen, ist ein zusätzliches nonverbales Signal sehr sinnvoll: einen Gegenstand fallen lassen, den Kopf schütteln, auf den Boden klopfen oder Ähnliches. Findet die Art von Kommunikation, die sich für euch richtig und stimmig anfühlt.
Unabhängig vom Safeword gilt: Beobachtet eure Fesselpartneys aufmerksam. Fällt etwas auf, unterbrecht und reagiert – unterschiedliche Situationen verlangen unterschiedliche Massnahmen: zusammen sprechen, etwas trinken oder essen, kuscheln oder Abstand und Ruhe geben.
Grundsätzlich solltet ihr in der Lage sein, jedes Problem, das während des Fesselns entstehen kann, innerhalb von drei Minuten zu lösen. Das bedeutet nicht kopfloses Ausfesseln, sondern sachlich zum nächsten sicheren Punkt zurückkehren – zum Beispiel aus einer Suspension wieder auf den Boden, einen Blutstau lösen, beleidigte Nerven befreien.
7. Einstieg ins Fesseln/ Rituale
Oft ist der Einstieg ins Fesseln das Schwierigste. Wie fange ich an? Wenn ihr Rituale mögt, könnt ihr euch ein gemeinsames Einstiegsritual ausdenken. Unserer Erfahrung nach gibt es diejenigen Fessler, die einen klaren Plan brauchen um diesen dann genau so durchzuführen, diejenigen, die einen klaren Plan haben um ihn dann über den Haufen zu schmeissen und ganz was anderes zu tun (z.B. pikushii) und diejenigen, die sich gar keinen Plan überlegen. Das sind meistens fortgeschrittene Fessler. Es ist keine Schande, sich einen genauen Ablauf zu überlegen und allenfalls auch aufzuschreiben. Mit der Zeit wird euer Repertoire breiter und euch fällt von ganz alleine ein, was ihr fesseln wollt.
8. Ausfesseln
Das Ausfesseln ist genau so wichtig wie das Einfesseln. Bleibt verbunden. Löst das Seil so, dass Körperteile nicht ungeschützt und unerwartet «zurückspicken». Gebt Halt – körperlich und emotional – und beobachtet eure Fesselpartneys weiterhin aufmerksam.
Nicht selten geschehen in der Phase des Ausfesselns die intensivsten emotionalen Reaktionen. Angestaute Gefühle können sich urplötzlich lösen, die Tränen fliessen. Deshalb ist es wichtig, schon vorher darüber gesprochen zu haben, was in solchen Momenten gewünscht wird: Nähe oder Distanz? Ruhe oder Reden?
9. Aftercare – nach der Fesselzeit
Nach dem Fesseln klingen die intensiven Gefühle oft noch eine Zeit nach. Das kann mehrere Minuten, Stunden oder auch Tage sein. Manchmal tauchen intensive Gefühle auch erst auf, nachdem ihr eine gewisse Zeit wieder alleine seid.
Kümmert euch um eure Partneys, nehmt ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst. Fragt nach der Fesselzeit und am nächsten oder übernächsten Tag nach, wie euer Fesselpartney sich fühlt.
Liebe Tops: auch ihr habt Bedürfnisse. Nehmt eure Gefühle und Bedürfnisse ebenfalls ernst. Was braucht ihr? Wie geht es euch?
Wenn Gefühle auftauchen, die ihr nicht kennt oder nicht wisst, wie damit umgehen, könnt ihr euch zum Beispiel an ropehelp.ch wenden.
Wichtig: sprecht bereits im Konsens Gespräch über eure Aftercare Bedürfnisse. So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Bedürfnisse. Manche wollen kuscheln, manche wollen auf keinen Fall Nähe. Manche wollen zugedeckt werden, andere auf gar keinen Fall zu viel Stoff um sich herum. Manche wollen sofort über das Erlebte sprechen, andere brauchen erst Zeit zum Verarbeiten oder wollen es mit sich selber ausmachen.
Achtet besonders auf körperliche Signale wie Schwindel, Zittern, Kältegefühl. Legt allenfalls Traubenzucker und etwas zu Trinken bereit. Eine Wolldecke schadet auch nicht.
Es kann auch ganz schön sein, gemeinsam die Seile wieder zusammenzulegen und aufzuräumen.









